Bye-bye LaTeX!

19.05.2013 von Markus Wirtz mit 8 Kommentar(en)
Nach 10 Jahren haben wir unser meistgenutztes Werkzeug an den digitalen Nagel gehängt, und der Schritt war zugegebenermaßen von einiger Unsicherheit und Melancholie begleitet - zumal ich selbst dieses Werkzeug bereits seit 20 Jahren in Gebrauch hatte.

Warum aber verzichten wir seit einigen Monaten auf LaTeX - das einzigartige Textsatzsystem, das in Sachen Qualität und Freiheit seit Jahrzehnten Maßstäbe setzt? Warum werfen wir so viel Arbeit für eine funktionierende Infrastruktur über Bord? Warum verlassen wir uns auf andere Systeme, die nicht minder komplex sind und zu denen uns selbst (noch) die notwendigen Kenntnisse fehlen, um sie beliebig anpassen zu können? Warum setzen wir die hohe Layout-Qualität unserer gedruckten Bücher aufs Spiel?...

Halt! Jetzt geht der Fatalismus dann doch zu weit - und es sei gleich zu Beginn betont: Die Druckqualität unserer neuen Bücher hat keineswegs gelitten! Im Gegenteil: Mit den neuen Werkzeugen ist es uns gelungen, den Übergang nicht nur nahtlos zu gestalten, sondern sogar einige Verbesserungen zu erreichen.

Die Gründe für den Umstieg

Lange Zeit glaubten wir uns mit unseren LaTeX-Quellen für den Umbruch im Verlagswesen bestens gerüstet. PDF war ja ohnehin kein Problem (wirklich?), und das LaTeX-Markup bei Bedarf in EPUB (oder was auch immer) zu konvertieren, das ja schließlich auch nur XML/HTML-Dateien mit ein paar Metadaten zusammenpackt, sollte nicht allzu schwierig sein...

Doch schon bei der PDF-Ausgabe, die eben nicht für die Druckerei, sondern für den Gebrauch am Bildschirm gedacht war, taten sich bald die ersten Probleme auf. Immer in der Kategorie "Print" gedacht, war es keineswegs trivial, in älteren Manuskripten URLs plötzlich "klickbar" zu haben. Mussten Sonderzeichen wie Unterstrich, Tilde oder Hash für die Printausgabe noch escapet werden, war diese Syntax in echten Links nun unbrauchbar. Es begann also die Suche nach geeigneten Paketen, die aus der "schönen" (weil im Satz korrekt umbrochenen) eine funktionierende Lösung machten. Aber: Die neuen Pakete vertrugen sich nicht mit den alten, die Auswirkungen auf den Zeilen- und Seitenumbruch mussten manuell korrigiert werden. Mit anderen Worten: Im Nu hatten wir verschiedene Textquellen zu pflegen, die zusammenzuführen einige Eingriffe in unsere Vorlagen und Inkompatibilitäten mit unseren älteren Manuskripten zur Folge hatten. Was aber noch schwerer wog: Auch damit hatten wir die eigentliche Aufgabe, nämlich aus einer (La)Textquelle alle neuen Ausgabeformate zu generieren, ja noch nicht einmal ansatzweise gelöst.

Dennoch stürzten wir uns auf den nächsten Schritt: Die Suche nach Tools und Projekten, mit deren Hilfe wir aus LaTeX z.B. EPUB und Mobi generieren konnten; so stießen wir z.B. auf plasTeX, das genau dieses Ziel verfolgt. Doch auch mit viel Zeit und einigem Geld liefen wir hier immer wieder in Sackgassen und haben es schließlich aufgegeben.

Das neue Eingabeformat

So haben wir beschlossen, einen Schnitt zu machen: Gesucht wurde ein Eingabeformat, das folgende Eigenschaften mitbrachte:

  • einfach für die Autoren
  • geeignet für die Versionskontrolle
  • flexibel für die Weiterverarbeitung

Die Wahl fiel auf AsciiDoc, das nun seit ca. einem halben Jahr Grundlage für unsere Manuskriptarbeit ist.

Der entscheidende (und aufwendige) Schritt war aber der Aufbau einer Prozesskette, die aus dem flachen AsciiDoc-Format all das generiert, was wir an Publikationsformaten brauchen: PDF für den Druck, PDF für mobile Geräte, EPUB, Mobi,... Mit externer Hilfe (ein herzlicher Dank an Thomas Schraitle!) konnten wir die komplexen Zwischenschritte (DocBook, XSLT) implementieren und sind nun in der Lage, aus einer Textquelle "auf Knopfdruck" sämtliche Ausgabeformate zu erzeugen.